Feministische Zeitschriften zum Thema Gewalt #251120HB

25.November 2020 | | Archiv, Tag gegen Gewalt an Frauen

#TagGegenGewaltAnFrauen am 25.11.2020:

Feministische Zeitschriften zum Schwerpunktthema Gewalt

Ein Text von Sophia Lanzinger und Selina Mende, belladonna Praktikantinnen 2020

Feministische Zeitschriften im belladonna Archiv

Die Frauenbewegungen der 70er und 80er Jahre publizierten eine Vielzahl von Frauenzeitschriften und -magazine zu verschiedenen Themen. Dank des feministischen Frauenarchivs belladonna in Bremen, wurden diese Magazine, neben vielen anderen bedeutenden Dokumenten der (Bremer) Frauenbewegung, für die Nachwelt aufbewahrt und allgemein zugänglich gemacht.

Die feministische Bewegung hat eine lange Geschichte, viele Kämpfe wurden auch früher schon gekämpft und wir wissen heute gar nicht mehr, wie mühsam und steinig der Weg für unsere feministischen Vorreiterinnen war.

Unter anderem sind im Archiv die Gesche, Bremadonna, Bertha’s Best und die Bremer Frauenzeitung zu finden, die alle von Frauen für Frauen herausgegeben wurden. Spannend, empowernd, emotional und gleichzeitig bedrückend geben sie einen Einblick in die damalige Frauenbewegung in Bremen und umfassen Themen wie Kultur, beispielsweise Film- oder Buchvorstellungen, Theater sowie Frauenpolitik und Veranstaltungen für Bremer Frauen.

Video: Feministische Zeitschriften zum Thema Gewalt aus dem belladonna Archiv

Präsentation einmaliger Zeitschriften aus der Neuen Frauenbewegung. Wie wird das Thema Gewalt in den Dokumenten seit den 1970er Jahren behandelt?

Sexismus und Gewalt: Erfahrungsberichte von Bremer Frauen

Die Themen der Frauenzeitschriften aus den 70ern und 80er Jahren sind durchaus immer noch höchst aktuell. Beispielsweise widmete die Zeitschrift GESCHE (benannt nach der berüchtigten Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried) eine Ausgabe dem Thema „Vergewaltigung von Frauen“. Dabei wurde betroffenen Frauen die Möglichkeit gegeben, von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten und diese sichtbar zu machen. Den Opfern wurde eine Stimme gegeben, gemeinsam wurden sie laut.

Es wird von Blicken und sexistischen Beleidigungen geschrieben, ebenso wie von Verfolgungen, sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Die Bremadonna wurde damals von Studentinnen veröffentlicht. In einer der Ausgaben werden die unterschiedlichen Formen von Sexismus, körperliche und psychische Gewalt, sowie auch frauenfeindliche Sprache behandelt. Zudem berichtet jene Zeitschrift sehr ausführlich über die Bremer Frauenbewegung.

Es gab in den 70ern und 80ern einige Protestaktionen, in denen Frauen auf Demonstrationen für ihre Rechte auf die Straße gingen. Beispielsweise wurde die Gruppe „Frauen gegen Vergewaltigung“, die sich 1977 aus betroffenen und engagierten Frauen gründete, in einer Ausgabe der Bremer Frauenzeitung vorgestellt und berichtete von ihren Flugblattaktionen und Theateraufführungen zum Schutz gegen Gewalt. Auch die Probleme, vor denen engagierte Frauengruppen standen, werden behandelt.

So kommen unter anderem die Mitarbeiterinnen des Bremer Frauenhauses zu Wort und schildern in einer Ausgabe der Bremer Frauenzeitung von ihrer Situation und ihren Problemen bei der Suche nach einem neuen Gebäude.

Die alten Zeitschriften geben einen spannenden und wichtigen Einblick in den Alltag der Bremer Frauenbewegung und berichten zum Teil auch erschütterndes zu den Themen Gewalt und Vergewaltigung. 

Audio: Vergewaltiger wir kriegen euch

Quelle: belladonna Archiv, verfasst von Monika Brunnmüller unter Mitarbeit von Maren Bock für das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF)

„Wir nennen jedes Aufzwingen eines fremden Willens eine Art von Vergewaltigung“

Der Kampf der Frauen vor 40-50 Jahren ist teilweise immer noch höchst aktuell. Doch in vielerlei Anliegen kämpften sie erfolgreich: Der Paragraph 177 des StGBs veränderte sich zu jener Zeit, den Frauen sei Dank! So lautet der Paragraph damals: „Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter 2 Jahren bestraft“ Es gab also einen Freischein für Vergewaltigung in der Ehe und außerdem keine Definition für „gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben“.

Die Gesche betont dies ganz richtig: „Wir nennen jedes Aufzwingen eines fremden Willens eine Art von Vergewaltigung“. Dazu gehören die täglichen Ängste von Frauen, die sie auf der Straße erleben, wenn sie an Männergruppen vorbeilaufen, am Badesee ihre Kleidung fallen lassen um Schwimmen zu gehen, dabei vor Blicken und Pfiffen nicht geschützt sind. Alleine in einem verlassenen Park oder Wald spazieren zu gehen ist für Frauen auch immer mit einer Angst und Unwohlsein verbunden (4).

Im selben Magazin wurden einige Geschichten von Frauen gedruckt, die sich unfrei fühlen durch die Angst vor männlicher Gewalt (6-11). Ist die Freiheit aller Menschen nicht im Grundgesetz verankert? Gilt diese Freiheit nur für eines unserer Geschlechter, für den Cis-Mann?

Die Frauen* der 70er und 80er Jahre wussten sich zu wehren. Sie waren laut und unbequem.

Als Antwort auf diese alltägliche, unausweichliche Gewalt und oft auch unterbewusste oder bewusste Angst vor Gewalt gingen die Frauen an einigen Orten der Republik, aber auch international, von der Nacht des 30ten April 1977 das erste Mal auf die Straße um die „Walpurgisnacht“ zu feiern. Der Titel der Demonstration bezieht sich hierbei auf die Hexenprozesse der frühen Neuzeit. Hauptsächlich Frauen wurden damals als Hexen verurteilt und verbrannt. Die Verurteilungen bezogen sich oft auf Frauen mit großem Wissen in der Heilkunde, die damit den „Medizinern“ überlegen waren. Somit wollte man die Macht der Frauen über ihre Gesundheit, über ihren eigenen Körper und ihre Reproduktionsfähigkeit brechen. Die Frauen nutzen also ihre Stigmatisierungsgeschichte zu einem Marsch der Selbstermächtigung!

„Frauen erobert euch die Nacht zurück!“

Die erste Walpurgisnacht in Bremen gab es am 30.4.1981.

Die Demonstrantinnen demonstrierten auf der Bürgerweide unter dem Motto: „Frauen erobert euch die Nacht zurück!“. Hierbei wollten sie auf die Unsicherheit von Frauen nach Anbruch der Dunkelheit aufmerksam machen. Noch in den 1990er Jahren beteuerte jede vierte Frau in Bremen, sich in der Dunkelheit nicht nach draußen zu trauen (Zeitungen von unten).

Nach Erfahrungsberichten aus der Gesche zogen um die 300 Frauen mit Fackeln, Taschenlampen, Hexenbesen und Gebrüll durch das nächtliche Bremer Zentrum. Vor allem an Orte, an die sie sich sonst, aus Angst vor Übergriffen, nicht hin trauten, zog es die Demonstrantinnen. In Parks und dunklen Gassen, scheuchten sie Männergruppen auf und eroberten sich somit angstfrei, die Nacht zurück. Angstfrei, weil sie mächtig waren. Angstfrei, weil sie viele waren. Angstfrei, weil die Nacht ausnahmsweise einmal ihnen gehörte. Den Frauen.  

Leider kam es bereits vor der Demonstration zu gewalttätigen Übergriffen vonseiten der Polizei.

Zwei Frauen wurden bereits vor der Demo verhaftet. Die Polizist*innen führten strenge Kontrollen durch und wandten den Demonstrantinnen gegenüber auch physische Gewalt an.

Einige Monate nach der Demonstration, im August des Jahres 1981 folgten fünf Hausdurchsuchungen in den Wohnungen von Frauen, die aktiv an der Gestaltung der Demonstrationen teilgenommen hatten. Bei den Durchsuchungen wurden auch Gegenstände entwendet, die nichts mit der Walpurgisnacht zu tun hatten. Eine Frau wurde wegen Bruch des Versammlungsgesetzes angezeigt.

Sofort wurde also den Feministinnen der 1980er, die auf die gewalttätigen Missstände einer patriarchal dominierten Gesellschaft aufmerksam machten, mit Repression und Gewalt begegnet.

Audio: Wir erobern uns die Nacht zurück: Eine Zeitzeugin erinnert sich

Quelle: belladonna Archiv, verfasst von Monika Brunnmüller unter Mitarbeit von Maren Bock

Was hat sich bis heute verändert?

Was hat sich verändert seit den Kämpfen der Frauen in den 1980er Jahren, von denen die Gesche so lebhaft und leidenschaftlich berichtet?

Die Gesetzeslage hat sich verändert, Frauen sprechen endlich über sexuelle Gewalt, das Tabu, die Scham, die Angst ist nicht mehr so groß, wie damals. Die #Metoo Debatte hat vielen Opfern Mut gegeben. Aber trauen wir uns nachts alleine nach Hause zu laufen?

Ist sexuelle Gewalt nicht immer noch ein männliches Phänomen, das gegen Frauen angewandt wird?

Immer noch haben nachts auf dem Nachhauseweg vor allem weibliche Personen Angst vor der Dunkelheit und ihren Gefahren. Das ist unter anderem eine Folge der weiblichen Sozialisierung, die Erziehung durch Eltern, aber auch zahlreichen Krimis, Filmen, Serien, die sexuelle Übergriffe auf Frauen nach Anbruch der Dunkelheit thematisieren. Zudem ist es aber natürlich auch eine Folge der grausamen Realität.

So ist in Deutschland fast jede siebte Frau von sexualisierter Gewalt betroffen.

Hat sich in dem Sinne also etwas verändert?

Laut Statistiken des BKA in der Bundesrepublik sind unter den sexuellen Gewalttaten wie Vergewaltigung, sexuelle Nötigung sowie sexuelle Übergriffe 5.932 männliche Täter und 74 Personen weiblich. Dies beweist, sexuelle Gewalttaten sind immer noch Ausdruck von patriarchalen und machtausübenden Geschlechterverhältnissen.

Der Kampf unserer mutigen Schwestern der 70er und 80er Jahre war stark und wichtig, einiges hat sich bereits verändert, aber er ist noch nicht zu ende. Es gibt noch sehr viel zu tun!

Die Zeitungen unserer Vorreiterinnen aus den 70er und 80er Jahren sind übrigens in unserem Archiv zu finden, alle Interessierten sind herzlich eingeladen vorbeizukommen und zu stöbern!

Mehr zu #251120HB und dem belladonna Archiv?

Weitere Aktionen von belladonna zum Tag gegen Gewalt an Frauen und Informationen zu Archiv und Bibliothek finden Sie hier.

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