Miriam Engelhardt: „Wer gründen will, muss machen, nicht warten!“

05.April 2019 | | belladonna Gründerinnenpreis

Interview und Text von: Janina Kovacs, belladonna Praktikantin 2019

Zum Färben benutzen sie Alufolie aus recyceltem Material. Für die Kundschaft gibt es Shampoo-Flaschen zum Nachfüllen. Und auch sonst zieht sich der Nachhaltigkeitsgedanke wie ein „grüner“ Faden durch den Frisörsalon von Miriam Engelhardt und Lisa Hardtke. Zwei Freundinnen und Geschäftspartnerinnen, die für ihr besonderes Konzept aus Ökologie und Ökonomie 2016 mit dem belladonna gründerinnenpreis ausgezeichnet wurden. „Wir wollen so nachhaltig sein, wie es eben geht“, sagt Miriam, die wir heute in ihrem Laden UBEO in der Hamburger Straße zum Interview treffen. „Und wir wollen die Ecken und Kanten unserer Kundschaft herausarbeiten – dafür stehen wir! Schließlich sind es genau die, die uns ausmachen, uns alle.“

Bild: Unsplash / George Bohunicky

Miriam, seit der Gründung von UBEO sind sieben Jahre vergangen, seit der Preisverleihung von belladonna drei. Seid Ihr immer noch zufrieden mit Eurem Schritt in die Selbstständigkeit?

Definitiv! Natürlich haben wir harte Zeiten mit langen Arbeitstagen und geringen Gehältern hinter uns. Bei einem regulären Acht- bis Neunstundentag sind wir auch erst seit zwei Jahren. Trotzdem war der Schritt in die Selbstständigkeit die beste Entscheidung, die Lisa und ich treffen konnten. Wir sind daran gewachsen, individuell und als Freundinnen. Außerdem war uns immer wichtig, dass Arbeit und Lebenseinstellung zueinander passen, wenn nicht sogar Hand in Hand gehen. Wir engagieren uns sozial, schneiden zum Beispiel Obdachlosen die Haare. Ich denke, dass unsere Kund_innen – im Stadtteil sind ja viele grün und linkspolitisch – diese Einstellung ebenfalls zu schätzen wissen und sich gut mit ihr identifizieren können.

Du hast vor UBEO in einem anderen Salon gearbeitet, Lisa in einer Werbeagentur. Warum habt Ihr gegründet?

Weil wir beide nicht richtig zufrieden waren: Ich war zuerst auf dem Gym und bin dann auf die Real runter, um meine Ausbildung zur Frisörin zu machen. Die meisten haben das nicht verstanden; selbst bei meinen Freundinnen und Freunden hatte ich das Gefühl, dass sie sich für mich rechtfertigen und meine Arbeit nicht anerkennen. Schlechte Bezahlung kam noch obendrauf. Bei Lisa war es umgekehrt: Sie hat in der Werbeagentur viel Anerkennung und Zuspruch erfahren, war aber unterfordert. Also haben wir uns mit Anfang 20 dazu entschlossen, etwas zu machen, bei dem wir unsere Grundsätze vertreten können.

Wer einen guten Business-Plan erstellt, sieht genau, ob es laufen kann oder nicht.

 

Wo und wie genau habt Ihr angefangen?

Los ging es mit einem halben Jahr Vorbereitung und einem 40-seitigen Business-Plan. Wer einen guten Business-Plan erstellt, sieht genau, ob es laufen kann oder nicht; der weiß, wie viel er arbeiten muss, um sein Projekt tragen und es auf Dauer durchhalten zu können. Alles andere hat sich Stück für Stück aufgebaut. Lisa hat noch eine Ausbildung zur Stil- und Farbberaterin und zur Coloristin gemacht. Damals wussten wir gar nicht, was für ein Talent in ihr steckt. Seit zweieinhalb Jahren ist sie nämlich selbst Frisörin. Ich habe sie intern bei uns ausgebildet.

Und wann ist belladonna ins Spiel gekommen?

belladonna ist ins Spiel gekommen, als wir unser Gewerbe bei der Handelskammer anmelden mussten. Wir hatten sofort eine gute Connection zu unserer Ansprechpartnerin dort. Sie ist direkt als Kundin zu uns gekommen und meinte: ͵Ihr müsst euch unbedingt beim gründerinnenpreis anmelden!‘. Das haben wir gemacht. 2015 sind wir auf dem zweiten Platz gelandet, als Erika Siegel – verdienter Weise, muss ich sagen – den ersten geholt hat. Ein Jahr später haben wir es wieder versucht und gewonnen.

belladonna hat mir Selbstbestätigung gegeben!

 

Ist der Kontakt zum Verein immer noch da?

Ja. Lisa hat vor kurzem an einer Podiumsdiskussion teilgenommen und ich telefoniere oft mit Geschäftsführerin Maren. Es ist einfach schön, sich mit anderen selbstständigen Frauen auszutauschen und es ist noch schöner, dass das, was man tut, geschätzt wird und dass man für andere sogar ein Vorbild ist. belladonna hat mir Selbstbestätigung gegeben, mit der ich anfangs echt zu kämpfen hatte.

Wie hat sich der Preis auf die öffentliche Wahrnehmung von UBEO ausgewirkt?  

Wir hatten tolle Artikel in der Presse, unter anderem im Weser Kurier. Dadurch sind viele Kund_innen auf uns aufmerksam geworden. So viele, dass wir nach dem Preis erst mal gar keine Neukundschaft mehr aufnehmen konnten. Allerdings hatten wir das Glück, in diesem Zuge einen Aufruf starten und eine neue Mitarbeiterin einstellen zu können, was wiederum unsere Azubine entlastet hat. Generell würde ich sagen, dass sich durch den Preis die Ansprache an uns verändert hat und wir mehr Wertschätzung für unser Konzept erfahren.

Beim Gründen geht es immer um Balance.

 

Stichwort ‚Zukunftspläne‘, plant ihr Ihr zu expandieren oder Ähnliches?

Ursprünglich wollten wir unser Team vergrößern. Aber dieser Plan steht wegen der veränderten Umstände nicht mehr im Fokus. Lisa soll die Zeit bekommen, die sie für sich und ihr Kind benötigt. Sie hat gerade erst wieder angefangen, Teilzeit zu arbeiten. Beim Thema Expandieren fließt auch der Fachkräftemangel mit ein. Den haben wir damals unterschätzt.

Noch eine persönliche Frage zum Abschluss: Eben hast Du angedeutet, in deiner Deiner Rolle als Gründerin selbst Erfahrungen mit Unsicherheiten gemacht zu haben. Welchen Tipp hast Du für Frauen, die gründen wollen, sich aber (noch) nicht trauen?

Wir Frauen sind ja Herzensmenschen. Das ist nun mal so. Und wenn man nach dem Herzen geht, fallen Entscheidungen meist schwerer. Daher fachlich werden, einen Business-Plan erstellen und die Herzenssituation verlassen! Wie gesagt: Wenn man schwarz auf weiß sieht, was machbar ist und was nicht, verschwindet die Angst automatisch und die ganze Sache wird kalkulierbar. Hinzu kommt: Wer zu 100 Prozent hinter seiner Idee steht und sie mit Ehrgeiz und Leidenschaft verfolgt, kann damit gar nicht über Kopf gehen. Etwas Gegenteiliges habe ich noch nie gehört…

… also doch eine Mischung aus Leidenschaft beziehungsweise Herz und Verstand…

Im Grunde schon. Beim Gründen geht es immer um Balance, auch später. Ich habe beispielsweise gelernt, dass es nicht gut ist, immer 120 Prozent zu geben und nur am Limit zu arbeiten. Wenn was passiert, hat man nichts nachzusetzen und im schlimmsten Fall bricht alles zusammen. Meine Kundinnen und Kunden freuen sich genauso, wenn ich gesund bin und ihnen voll motiviert die Haare schneiden kann.

Daneben gibt es noch Charaktereigenschaften, die man als Gründerin am besten von Haus aus mitbringt: Durchhaltevermögen und Widerstandsfähigkeit sind ganz wichtig. Wenn man krank ist, läuft der Laden nicht. Manchmal macht man sich beim Personal unbeliebt, und und und. Nichtsdestotrotz war Gründen das Beste, was Lisa und ich machen konnten. Ich rate jeder anderen Frau, zu machen und nicht zu warten. Wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringt – also los!    

UBEO – über ecken und kanten

Miriam Engelhardt und Lisa Hardtke

Hamburger Str. 74, 28205 Bremen
mail@ubeo-friseur.de
0421 – 68 534 773

Öffnungszeiten

Mo geschlossen (Beratungstermine) | Di – Mi 9 – 19 Uhr | Do – Fr 10 – 20 Uhr | Sa 9 – 14Uhr

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