Am 11.05.2020 fand, aufgrund der aktuellen Coronavirussituation, unser erster digitaler „Tag der offenen Tür“ statt. In diesem Rahmen haben wir Euch auf unserer Website mit auf eine virtuelle Reise zu unserer Arbeit und durch unser Haus genommen. https://www.belladonna-bremen.de/tag-der-offenen-tuer-2020-online

Auch 2021 öffnen wir unsere Türen #digital. Dieses Jahr möchten wir Ihnen mit einem filmischen Künstlerinnengespräch Einblicke unsere aktuelle Ausstellung „Blaupause“ der Bremer Künstlerin Sara Förster geben. Wie viele von Euch wissen, findet unser Tag der offenen Tür immer zeitgleich mit dem #TagderFrauenarchive statt. Warum ist das eigentlich so? So viel verraten wir Euch schonmal: eine jüdische Lyrikerin hat etwas damit zu tun. Dazu aber später mehr. In den Sozialen Netzwerken werden wir heute des Öfteren „live“ sein und Euch Einblicke in unsere unterschiedlichen Arbeitsfelder geben, weiter werden wir unter #TagderFrauenarchive aktiv werden und euch mit auf eine spannende Zeitreise nehmen.

 

Vernissage Blaupause – Experimentelle Fotografien von Sara Förster

 

In ihren vielseitigen künstlerischen Arbeiten hinterfragt Sara Förster die Beständigkeit von fotografischen Bildeinheiten und deren Wahrnehmung. Die aktuelle Ausstellung zeigt serielle Fotografien in der alten Technik der Cyanotypie, auch bekannt als Eisenblaudruck.
Objekte, die direkt auf dem beschichteten Papier aufliegen, hinterlassen ein unbelichtetes Abbild, während sich die belichteten Stellen blau färben.
 
Durch die manuelle Bearbeitung des analogen Fotomaterials transformiert die Künstlerin das ursprüngliche Motiv und macht das Trägermaterial selbst zum Inhalt des Bildes. So entstehen reizvolle, fast abstrakte Kunstwerke von hoher ästhetischer Qualität, die zu einem entschleunigten Betrachten einladen.
 
 
 
 
 
 
„Tolle Farben, Formen und Techniken, die Sara Förster zu Neuem kombiniert. Sie schafft Verbindungen und Vielseitiges. Alt bekanntes wird in ein neues Setting gesetzt.
Sehr lohnenswert!“ (R.J)

Monika Brunnmüller lebt in Bremen. Sie ist Kunstvermittlerin, verantwortlich für die Führungen mit Kunstgesprächen sowie für das Kuratieren der Ausstellungen in den Räumlichkeiten von belladonna e.V. 

Sara Förster lebt in Bremen. Nach einer Ausbildung zur Fotografin studierte sie Freie Kunst u.a. bei Prof. Rosa Barba an der HfK Bremen. Seit 2016 nimmt sie an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teil und erhielt internationale Stipendien und Preise.   

Seht selbst und verschafft Euch einen Eindruck von der Ausstellung. Nach der Bildergalerie haben wir das Video des Künstlerinnengesprächs zwischen Monika Brunnmüller und Sara Förster verlinkt. 

Wir hoffen, dass Euch die Ausstellung gefallen hat. Wenn Ihr Lust habt, die Ausstellung live zu sehen, vereinbart gerne einen Termin mit uns. service@belladonna-bremen.de oder ganz einfach per Kontaktformular über unsere Website. 

 

Weiter geht es jetzt mit der Frage: Warum wir heute (11.05.21) den #TagderFrauenarchive feiern und wer dahinter steht. Kommt mit!

 

Seit 1988 findet am 11. Mai der Tag der deutschsprachigen Lesben- und Frauenarchive statt.

Auf einem Treffen der damals vorwiegend autonomen Bewegungsarchive wurde beschlossen, einen gemeinsamen Tag der offenen Tür zu veranstalten, mit dem Ziel mehr Öffentlichkeit zu erreichen. Mit diesem Event sollte auch eine herausragende Frau gewürdigt werden. Die Entscheidung fiel auf die jüdische Lyrikerin Rose Ausländer, die am 11. Mai 1901 geboren wurde und 1988 starb.

Auch belladonna beteiligte sich am Tag der offenen Tür mit Archivführungen, Vorträgen und Lesungen, Konzerten, Theateraufführungen u.a. zu Rose Ausländer und anderen jüdische Lyrikerinnen.

Hören Sie ein kurzes Tondokument vom 11. Mai 1992…………

„Schreiben war Leben. Überleben…“

Rose Ausländer, geborene Rosalie Beatrice Scherzer, wurde am 11. Mai 1901 in Czernowitz, im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Ihre Heimat, die Bukowina, war ein multi-ethnisches Gebiet, das eine ca. 200-jährige deutsche Sprach- und Literaturtradition aufwies. Dies war allem den dort lebenden Jüdinnen:Juden zu verdanken, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 50% der Bevölkerung in Rose Ausländers Geburtsstadt Czernowitz ausmachten.

Rose Ausländer wuchs in einem weltoffenen, liberal-jüdischen und kaisertreuen Elternhaus auf, in dem die wichtigsten Regeln der jüdischen Tradition befolgt wurden. 1916 war die Familie gezwungen, ihre Heimat aufgrund der russischen Besetzung von Czernowitz im Ersten Weltkrieg zu verlassen und über Budapest nach Wien zu fliehen. Dort absolvierte Rose Ausländer 1919 die Handelsschule. Im selben Jahr kehrte die Familie zurück nach Czernowitz und Rose Ausländer begann dort ein Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie, welches sie bereits 1920 nach dem frühen Tod ihres Vaters wieder abbrechen musste. Auf dringendes Anraten ihrer Mutter wanderte sie 1921 mit Ignaz Ausländer, einem Studienfreund, in die USA aus. Dort arbeitete sie als Hilfsredakteurin, Sekretärin und Bankangestellte in New York. Sie veröffentlichte ihre ersten Gedichte in dem von ihr redigierten Amerika-Herold-Kalender. 

1923 heiratete sie Ignaz Ausländer, bereits drei Jahre später trennten sich die beiden jedoch wieder, 1930 erfolgte die offizielle Scheidung. Den Namen behielt Rose Ausländer jedoch ihr Leben lang bei.

1931 kehrte sie nach Czernowitz zurück, um sich um ihre erkrankte Mutter zu kümmern. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Lyrikerin, Englischlehrerin, Redakteurin und Fremdsprachenkorrespondentin in einer Chemiefabrik. 1931 lernte sie zudem Helios Hecht kennen, ihre große Liebe, die sich in vielen ihrer Liebesgedichte widerspiegelte. Die beiden lebten hauptsächlich in Bukarest. Vier Jahre später trennte Rose Ausländer sich jedoch von Hecht, da er gegen ihren Willen einige ihrer Gedichte veröffentlichte und sie diesen Vertrauensbruch nicht verzeihen konnte.

Zwischen 1931 und 1936 erschienen viele ihrer Gedichte, aber auch journalistische Beiträge in Anthologien und Zeitschriften. Im Jahr 1939 wurde ihre erster, von der Kritik gefeierter Lyrikband „Der Regenbogen“ veröffentlicht, der jedoch heute als verschollen gilt, da die Restauflage von den Nazis vernichtet wurde.

1940 besetzten sowjetische Truppen als Folge des Hitler-Stalin-Pakts Czernowitz und die nördliche Bukowina. Ausländer wurde als angebliche US-Spionin verhaftet und kam nach vier Monaten wieder aus dem Gefängnis frei. Zwischen 1941 und 1944 musste Rose Ausländer mit ihrem Bruder Max und ihrer Mutter im jüdischen Ghetto der Stadt in ständiger Todesfurcht leben. Im Ghetto lernte Rose Ausländer den Lyriker Paul Celan kennen. Zum Glück entgingen sie und ihre Familie der Deportation und überlebten ab 1943 in einem Kellerversteck. 55.000 der insgesamt 60.000 im Ghetto lebenden Jüdinnen:Juden wurden deportiert und ermordet.

1945 stellte Ausländer einen Ausreiseantrag nach Rumänien und reiste im darauffolgenden Jahr erneut nach New York. Dort arbeitete sie als Fremdsprachenkorrespondentin bei einer Spedition. Zwischen 1949 und 1956 verfasste Ausländer ihre Lyrik ausschließlich in englischer Sprache. Auf einer mehrmonatigen ausgedehnten Europareise traf sie 1957 Paul Celan in Paris wieder. Er bewegte sie zu einer radikalen Veränderung ihres lyrischen Stils und sie begann, wieder auf Deutsch zu schreiben.

1965 erschien ihr Lyrikband mit dem Titel „Blinder Sommer“. Im selben Jahr versuchte Ausländer sich in Wien niederzulassen, stieß jedoch auf Ablehnung und  antisemitische Ressentiments. Schließlich zog sie nach Düsseldorf. Als Verfolgte des NS-Regimes erhielt sie zudem Entschädigungszahlungen und eine Pension. Längere Zeit lebte sie wie eine Nomadin „aus dem Koffer heraus“ und zog von Pension zu Pension. Bis 1971 unternahm sie zudem noch zahlreiche Reisen, oftmals nach Italien. Ab 1972 lebte sie im Nelly-Sachs-Haus, dem Altersheim der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf.

Seit 1965 hatte Rose Ausländer kaum eine öffentliche Resonanz für ihre Lyrik in Deutschland, was sich jedoch in den 1970er Jahren zunehmend wandelte. Auch durch die enge Zusammenarbeit mit dem Herausgeber vieler ihrer Arbeiten, Helmut Braun, stieg ihre Bekanntheit und erst im hohen Alter erfuhr ihr Werk breitere öffentliche Wahrnehmung. Von nun an erschien beinahe jedes Jahr eine Gedichtsammlung von Rose Ausländer, insgesamt waren es mehr als zwanzig Gedichtbände.

Von 1978 bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 war Rose Ausländer bettlägerig. Sie beschloss, sich nur noch auf ihr Schreiben zu konzentrieren und isolierte sich zunehmend von der Umwelt. Es war ihre produktivste Zeit und sie verfasste teilweise hunderte Gedichte in einem Jahr. Ihre wichtigsten Kontakte waren für in dieser Zeit ihr Bruder Max Scherzer sowie ihr enger Vertrauter Helmut Braun, mit dessen Hilfe sie in ihren letzten Lebensjahren viele Gedichte und Manuskripte überarbeitete. Wenige Monate vor ihrem Tod stellte sie das Schreiben ein, da für sie alles gesagt und geschrieben war.

Ihr lyrisches Werk umfasst mehr als 3000 Gedichte, die sich mit Themen wie Heimat/ -verlust), Kindheit, das Verhältnis zur Mutter, Judentum, die Shoa, Leben im Exil, Sprache, Liebe, Alter und Tod beschäftigen.

Sprache war dabei für sie sowohl Mittel des Ausdrucks als auch Heimat. Schließlich war ihr gesamtes Leben von dem Gefühl des Heimatverlustes und der Entwurzelung geprägt, so wurde die „Mutter Sprache“ ihre Heimat und sie lebte in ihrem „Mutterland Wort“. Ihre Identität machte sie von ihrem  Schreiben abhängig: „Wer bin ich / wenn ich nicht schreibe?“

Rose Ausländers beeindruckendes Lebenswerk präsentiert zweifellos ein Stück Zeitgeschichte, denn ihr Leben umfasste zwei Weltkriege, die Shoa, Flucht und Vertreibung und das Leben im Exil. All diese Erlebnisse verarbeitete sie stets auch in ihren Gedichten.